Gulbransson – Von Volker Reiche

Kleine Annäherung eines

gulbrannson2

Zeichners an einen

Zeichner


Keine Angst – die kumpelhafte Sprache ist beabsichtigt und hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun! Aber ich glaube, wenn man demselben Beruf nachgeht, tut man gut daran, sich über die Zeiten hinweg als Kollegen zu betrachten, auch wenn ein Karikaturist des „Simplicissimus“ damals gewiß anders arbeitete als ein Comiczeichner der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ heute.

Als ich 2007 als erster Comiczeichner den Olaf Gulbransson Preis erhielt, gehörten der „Simplicissimus“ und die Karikaturen auch Gulbranssons nicht zu den Werken, die ich aus beruflichen Interesse immer mal wieder zur Hand nehme, um zu sehen, wie „die anderen Jungs“ Probleme des Zeichnens und Erzählens lösen. Karikaturen, die – brillant gezeichnet – scharfzüngig gegen Kaiser, Zar, Miltär, Priester und Pfaffen vorgehen, haben – so schien es mir – herzlich wenig mit meiner Comic-Familie Strizz zu tun, die 2009 vor dem LCD-Fernseher sitzt und zu begreifen versucht, was Seehofer, Merkel und Münte treiben.

Zunächst war da vor allem die Freude des Comiczeichners, dass ein Karikaturenmuseum sich dem Comic öffnet. Eine kühne Entscheidung der Preisjury, wenn man bedenkt, daß der Comic in Deutschland nach wie vor ein recht bescheidenes Ansehen genießt. Doch bekam ich aus diesem Anlass zwei Gulbransson-Bücher geschenkt, habe mir noch weitere dazugeholt, und nun doch angefangen, mich näher mit ihm zu beschäftigen.

Ein Halbtoter im Sarg – bestimmt kein schlichter toter Türke, sondern wenigstens eine Nation – greift zum Säbel. Mächtige Herren, auch sie wohl keine Individuen, sondern Bilder von Völkern oder Ständen, wollen’s nicht leiden – eine Karikatur, so fern von meiner Arbeit wie der Mond. Spätestens von den satirischen Zeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ wurden hierzulande solche pathetischen, prall mit entschiedener politischer Aussage aufgeladenen Karikaturen spöttisch zu Grabe getragen. Man hat es heute gern eine Nummer kleiner und ironischer. Das heißt nicht, dass es solche Karikaturen nicht mehr gibt, auch jetzt noch kann man in der Presse gelegentlich einen wild blickenden Herrn mit Tuch um den Kopf erblicken, dem zum besseren Verständnis groß PLO auf die Hose geschrieben steht. Aber landesweite Erregung, wie zu Zeiten des „Simplicissismus“ löst man damit nicht mehr aus.

Als Gulbransson 1902 zum „Simplicissimus“ geholt wurde, konnte er zeichnen, sonst hätte man ihn nicht geholt. Aber die Forderung, die an „Simplicissimus“-Zeichner gestellt wurde, große Einzelblätter ausnahmslos höchst kunstvoll, gern mit großer formaler Strenge, im klaren Strich und mit sorgfältiger Abstimmung der Weiß-, Schwarz- und Farbflächen zu erstellen, muss auch für ihn eine große Herausforderung gewesen sein, obwohl wir ja wissen, dass er schnell eine Position „wie immer dabei gewesen“ einnahm. Die sprachliche Seite – die Texte der Karikaturen – sind ein anderes Ding. Wenn man Gulbransson glauben will – der Titel seines Buches „Es war einmal“ verweist ins Märchenhafte, aber ich bin sehr geneigt, es für einen recht genauen autobiographischen Text zu halten –, wurde er zu Beginn seines Simplicissimus-Engagements für zwei Monate nach Berlin geschickt, um Deutsch zu lernen, lernte aber gerade mal die Worte „Bitte“ und „Danke“. Wie man mit solchen Sprachkenntnissen einen mehrzeiligen, elegant, scharf und präzis formulierten Text für eine Karikatur formulieren will, wäre rätselhaft, wüsste man nicht, dass beim „Simplicissimus“ ein Großteil der Bildunterschriften im Geplauder der Redaktionskonferenzen entstand. Kein unübliches Verfahren. Die pointiertesten Textzeilen entstehen – ich habe das während meiner Zeit bei „Pardon“ und „Titanic“ und in der Zusammenarbeit mit dem begnadeten Maler-Cartoonisten Bernd Pfarr oft beobachtet – auch heute noch in Wort und Widerwort im Kreise der Kollegen. Für mich persönlich ist das keine Option, ich schreibe konsequent seit eh und je meine Texte selbst, aber für den Bitte-Danke-Gulbransson mag das in den ersten Jahren seiner Münchner „Simplicissimus“-Zeit eine gern angenommene Entlastung gewesen sein.

Allerdings – wenn man im Ersinnen raffinierter und politisch bedeutsamer Karikaturentexte nicht der Erste im Kreise der Kollegen ist, kommt man wohl leicht auf die Idee, sich in anderer Weise zu profilieren. Man will ja auch „was Eigenes“ haben, und sei es wie bei Loriot ein Jodeldiplom. Ich könnte mir vorstellen, dass das für Gulbransson der oder ein Anlass war, seine fulminante Reihe der „Galerie berühmter Zeitgenossen“ zu starten. Als Text genügte hier – wie angenehm – der Name des Porträtierten. Er entfaltete dabei eine unglaubliche Meisterschaft, ich kann nur stumm stehen und staunen, wenn ich sehe, mit welcher Sicherheit er Menschen – und das heißt bei ihm vor allem: Gesichter – porträtieren konnte. Und das ohne sich je zu wiederholen; man betrachte nur beispielsweise seine Porträts von Gerhard Hauptmann, Leo Tolstoi und Eleonora Duse nebeneinander: unterschiedlicher können Zeichnungen in Technik und Auffassung nicht sein. Hier bin ich nur Bewunderer, kein Kollege. Allerdings auch aus dem Grund, weil ich keine berühmten Menschen in meinen Comics zeichne. Die Bewohner von Strizzhausen sitzen – wie bereits gesagt – vor der Glotze und schauen sich die Berühmtheiten an. Und nur die Strizzhausener werden von mir porträtiert.

Hat Gulbransson Comics gezeichnet? Weniger. Es sei denn, man bezeichnet seine Bildergeschichten, von denen es etliche gibt, als Comics. Es gibt Comicforscher, die keinen Anstoß daran nehmen, wenn die für den Comic so typischen Sprechblasen fehlen. Das halte ich für richtig, denn selbstverständlich gibt es Comics ohne Worte. Ich neige dazu, die Sache von der subjektiven Sicht des Zeichners her zu entscheiden: Wer die Absicht hat, einen Comic zu zeichnen, dessen Zeichnung darf man getrost Comic nennen. Soll heißen: Wer sich in einer Reihe mit anderen Comiczeichnern sieht, ist Comiczeichner. Comics gab es 1902 längst. Man denke da nur an das berühmte „Yellow Kid“, gezeichnet 1896 von Outcault im Zeitungscomic „Hogan’s Alley“. Sehe ich mir jedoch Gulbranssons Bildergeschichten an, kann ich nur vermuten, dass er nichts anderes wollte, als ein geschlossenes Karikaturenblatt zu zeichnen, und dass die Aufteilung in mehrere Einzelbilder für ihn nicht mehr als eine interessante formale Abwechslung war. Ich kenne den Text der Hirschmeuchelei nicht, aber nehme an, daß hier wieder keine Einzelperson ( wie im Comic immer! ) zum Säbel greift, sondern dass Russland (?) irgendein Land, Volk oder eine Bevölkerungsgruppe in Hirschgestalt
( Anmerkung der Red.: Finnland ) malträtiert. Eine politische Karikatur der besonderen Art, kein Comic.

Es sei mir gestattet zu bekennen, dass ich Gulbransson da am meisten schätze, ja liebe, wo er ganz bei sich war: in seinen herrlichen autobiographischen Büchern „Es war einmal“ und „Und so weiter“. Formale Strenge, Jugendstil und nationale Karikaturensymbolgestalten sind ihm plötzlich gänzlich piepe und er zeichnet und beschreibt in hellster „Ligne Claire“ und handgelettert schlicht, aber unendlich zauberhaft Szenen seines Lebens. Und hier kommt er – auch wenn ihn diese Frage wohl kaum interessiert hat – dem Comic am nächsten. Große Meister des Comics wie Giraud und Trondheim benutzen in ihren Comictagebüchern eine ganz ähnliche Form wie Gulbransson in seinen Büchern.

Wenn ich mir zum guten Schluss und als Belohnung für diesen kleinen Artikel aussuchen dürfte, etwas so gut zu können wie Gulbransson, würde ich nicht seine Fähigkeit wählen, großartige und geschlossene Einzelblätter der politischen Karikatur zu zeichnen, sondern sein Talent, so unangestrengt und mit tausend Einfällen aus seinem Leben zeichnend zu erzählen.

Volker Reiche, wurde  1944 in Belzig / Brandenburg geboren und lebt in Königstein / Ts.. Er ist  einer der renommiertesten Comiczeichner Deutschlands. Dabei hat er als erster deutscher Comiczeichner professionell Donald Duck Geschichten geschrieben und gezeichnet ( der zweite professionelle Donald Duck-Geschichten-Zeichner ist der Gulbransson Enkel Jan ). Neben diversen eigenen Figuren hat er jahrelang die Serie „Mecki“ für die Hörzu betreut. Ebenso arbeitete Reiche auch für die Satiremagazine Titanic und Pardon. Von 2002 – 2008 erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung täglich – seit 2009 wöchentlich – seine viel gepriesene Comicserie „Strizz“, worin er bzw. seine Figuren regelmäßig das aktuelle Zeitgeschehen kommentieren.

Volker Reiche und sein Werk haben zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten so z.B. zwei Max & Moritz Preise ( bester Comicstrip, bester deutscher Comiczeichner ). Außerdem wurde Volker Reiche 2007als erster Comiczeichner mit dem Gulbransson Preis ausgezeichnet.

Vom 07.06. – 20.09.2009 findet im Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee die Ausstellung „Volker Reiche -  Comics und Gemälde“ statt.

Reiche Plakat