Ein Norweger in Bayern


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Ein Norweger in Bayern –

der Künstler Olaf Gulbransson und

das Münchner Satiremagazin Simplicissimus

Als Olaf Gulbransson 1902 im Alter von 29 Jahren nach München zum Simplicissimus stieß, war er in Norwegen bereits ein angesehener Künstler und das Münchner Satiremagazin eine der führendsten graphischen Publikationen in Europa. Trotzdem hat gerade diese langjährige Zusammenarbeit beide geprägt und  so noch beider Ruhm gesteigert.

Ein kurzer Abriss über das Münchner Satiremagazin Simplicissimus

Das Satiremagazin Simplicissimus wurde von 1896 – 1944 sowie mit einem späteren Wiederbelebungsversuch von 1954 – 1967 veröffentlicht. Der rheinländische Verleger Albert Langen versammelte in München ein namhaftes Heer von Zeichnern und Autoren wie z.B. Thomas Theodor Heine, Bruno Paul, Eduard Thoeny, Käthe Kollwitz, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Heinrich und Thomas Mann um sich. Später übernahm Ludwig Thoma die Rolle des Chefredakteurs. Das Zeichen des Simpls, wie das Wochenmagazin im Volksmund gerne genannt wird, der rote Mops von Thomas Theodor Heine gilt noch heute als eines der wichtigsten Symbole in der bayerischen Landeshauptstadt München. Der Name der satirischen Wochenzeitschrift wurde an den Roman „Simplicissimus“ und dessen Helden Simplicius von Christoffel von Grimmelshausen angelehnt.[1]

Das Magazin versuchte sich anfänglich als oppositionelles Zentralorgan und war für diese Zeit ungewöhnlich kritisch im obrigkeitshörigen Deutschland. Gerade die Angriffe auf Staat, Kirche, Militär sowie das Kaiserreich führten zu regelmäßigen Beschlagnahmungen und Verkaufsverboten. Legendär der 1898 von Frank Wedekind unter Pseudonym verfasste und von Thomas Theodor Heine illustrierte Artikel über die Palästinareise von Kaiser Wilhelm II. In der Folge mussten der Verleger Langen und Autor Wedekind vorrübergehend das Land verlassen und der Künstler Heine wurde für sechs Monate inhaftiert.[2]

Im 1. Weltkrieg bekam die Zeitschrift auf Anregung von Heine eine patriotische Ausrichtung und unterstütze in ihren Darstellungen die Kriegspolitik. Die Künstler gingen von dem Irrglauben aus, Deutschland sei angegriffen worden. In der Folge wurde auch die Politik der Weimarer Republik positiv verklärt dargestellt. Kritik wurde vielmehr an den Auswirkungen des Versailler Vertrages, den Reparationsforderungen, der Inflation sowie dem aufstrebenden Kleinbürgertum geäußert. Seit 1930 begann die Simpl-Redaktion intensiv den keimenden Nationalsozialismus anzuprangern und erkannte als eine der wenigen deutschen Zeitschriften die daraus resultierende Bedrohung. Trotzdem verlor der Simplicissimus nach Machtübernahme der Nationalsozialisten und besonders im zweiten Weltkrieg seine zynische Antiautorität und wurde vom Propagandaminister Goebbels inhaltlich gleichgeschaltet. Die satirischen Angriffsflächen wurden nun die Repräsentanten der Alliierten – Churchill, Roosevelt und Stalin. 1944 schließlich wurde der Simplicissimus eingestellt.

Von 1954 – 1967 erfolgte ein Wiederbelebungsversuch worin sich noch einige Simpl -Altmeister wie Thoeny und auch Gulbransson ( der 1958 verstarb ) neben deren künstlerischen Erben wie z.B. Franziska Bilek und Horst Haitzinger tummelten. Aber in der Zeit des Wirtschaftswunders verlor der Simplicissimus zunehmend an Bedeutung und erreichte schließlich nicht mehr das ursprüngliche Niveau.

Olaf Gulbransson und der Simplicissimus

Olaf Gulbransson kam 1902 auf Anfrage von Albert Langen zum Simplicissimus. Der Zeichner Gulbransson genoß in seiner Heimat Norwegen durch sein Buch „24 Karikaturen von berühmten Norwegern“ sowie seiner Arbeit für das norwegische Satiremagazin „Tyrihans“ regionalen Ruhm. Gulbransson verglich seine Popularität mit der eines Schauspielers. Albert Langen, der mit der Tochter des großen norwegischen Dichters Björnsterne Björnson verheiratet war, wurde auf Empfehlung seines prominenten Schwiegervaters auf den jungen Olaf G.  aufmerksam. So erhielt Gulbransson sein Engagement beim Simplicissimus, wofür ihn sein Vater als Glückspilz ansah.[3]

Um die Ankunft Gulbranssons in Deutschland rangen sich viele amüsante Anekdoten, die er selbst liebevoll in seinen gezeichneten Autobiographien „Es war einmal“, „und so weiter“ beschreibt. So sollte er vor seiner Tätigkeit beim Simpl in München während einem zweimonatigen Aufenthalt in Berlin die deutsche Sprache lernen. Da der damals verschüchterte norwegische  Künstler in Berlin aber nur Kontakt zu einem Zimmermädchen und einigen Kellnern in Lokalen pflegte, lernte er lediglich die Worte „Danke“ und „Bitte“. In München hingegen wurde Gulbransson von der Simpl-Redaktion sehnsüchtig erwartet. Der Stellvertreter von Langen, Dr. Geheeb, erkundigte sich fortlaufend nach dem Verbleib Gulbranssons. Gulbranssons humoristische Simpl-Brüder präsentierten ihm dann anstelle des echten Olaf G. einen betrunkenen Dänen und gaben ihn als den Norweger aus. Nachdem dieser Schwindel aufgeklärt wurde, hielt Dr. Geheeb auch den echten Gulbransson anfangs für einen weiteren Schwindler.[4]

Trotz der Sprachbarriere hatte sich  aber der lebensbejahende Norweger schnell in Bayern integriert und galt in seinen weiteren Lebensstationen in München und am Tegernsee im Herzen als Bayer.

Während sich der Zeichenstil von Gulbransson vom dynamischen Pinselstrich aus seiner norwegischen Phase zu seinem berühmten minimalistischen Strich wandelte, wurde er  einer der Vorzeigekünstler des Simpls und prägte die Münchner Kunst- und Kulturgesellschaft nachhaltig. Neben seinen satirischen Arbeiten im Simplicissimus, vor allem seiner Rubrik „Galerie berühmter Zeitgenossen“, worin Gulbransson meisterhaft und abwechslungsreich Prominente porträtierte, gelangen auch seine Buchillustrationen zu Ruhm. Dabei illustrierte er zahlreiche Bücher von Ludwig Thoma, so z.B. „Die Lausbubengeschichten“ und „Tante Frieda – neue Lausbubengeschichten“.
Ebenso gestaltete Gulbransson Plakate für Münchner Institutionen wie die Münchner Schwimmbäder und das Marionetten-Theater. Er entwarf auch einige charakteristische Marionetten, die nach wie vor im Münchner Stadtmuseum ausgestellt sind.

Von 1932 – 1943 übernahm Olaf Gulbransson eine Professur an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, als Nachfolger des Münchner Malerfürsten Franz von Stuck. Dabei galt der Lehrstil des Unikums Gulbransson zwar als unkonventionell und es hagelte anfänglich Beschwerden der Studenten, mit der Zeit förderte er aber zahlreiche namhafte Künstler. Er pflegte ein sehr persönliches und inniges Verhältnis zu seinen Schülern. Gerade die illustrierten Briefwechsel zwischen der Schülerin Franziska Bilek und dem Professor Olaf Gulbransson, welche später in dem Buch „Liebe Franziska! Lieber Olaf!“ veröffentlicht wurden, gelten dabei als gutes Beispiel.

Gulbransson selbst beneidete seine Schüler um deren  künstlerische Freiheit wie im Gespräch mit seinem Verleger Reinhard Piper kommentiert wird:

“Ich bin ein armer Lohnzeichner. Ich beneide meine Schüler, die können machen, was sie wollen. Ich muß zeichnen, was man mir aufgibt, und dabei muß ich vieles auswendig zeichnen. Das viele Auswendigzeichnen ist ein Unsinn, und so kennt man mich eigentlich nur von meiner schlechten Seite.“[5]

Für sein künstlerisches Werk erhielt Olaf Gulbransson zahlreiche Auszeichnungen und konnte sich eines sehr prominenten Freundes- und Verehrerkreises erfreuen.

Die Ausstellung „Olaf Gulbransson – Porträts und Satire aus fünf Jahrzehnten“ zeigt einen Querschnitt durch das umfangreiche Werk des einzigartigen Künstlers. Dabei  zeugt sein satirisches Werk gerade in der Zeit der Finanzmarktkrise wieder

von Aktualität.

Wir sind stolz Exponate aus dem persönlichen Besitz der Familie Gulbransson erstmals in einer Ausstellung präsentieren zu können. Herzlichen Dank an das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, das Valentin Karlstadt Musäum, Ulla und Jan Gulbransson, Artwerk / Claudia Schöne, Volker Reiche, Lars Fiske, Steffen Kverneland, den Avant-Verlag  und das Comicfestival München für die freundliche Unterstützung.

Michael Kompa / Ulrich Schröder im Juni 2009


[1] Ute Bopp-Schumacher „Zur Historie des Simplicissimus 1896 – 1944“

[2] Ute Bopp-Schumacher „Zur Historie des Simplicissimus 1896 – 1944“

[3] Lars Fiske / Steffen Kverneleland „Olaf G.“

[4] Olaf Gulbransson „Es war einmal“, „und so weiter“

[5] Gulbransson im Gespräch mit seinem Verleger Piper aus Reinhard Piper „Mein Leben als Verleger“